Eine Forscherin kommt selten allein

Die Pharmazeutin Wiebke Saal sucht bei Roche nach dem besten Molekül. Es soll Menschen mit Darmerkrankungen helfen. Die Crux: Man kennt die Ursache der Krankheit nicht. Was tun? Wiebke macht es wie damals im Studium, als sie eine Prüfung wiederholen musste: sich reinknien. Und vor allem: auf Teamarbeit setzen.

Wiebke, du hast zwei kleine Kinder. Wie erklärst du ihnen deine Arbeit?

Meine Kinder interessieren sich mehr für das Hochhaus von Roche als für meine Arbeit (lacht). Wenn sie grösser sind, werde ich ihnen erklären, dass ich Moleküle entwickle, die kranken Menschen helfen können. Meine Arbeit besteht darin, das Molekül wirklich gut zu verstehen. Wie verhält es sich? Löst es sich gut auf, so wie Zucker? Oder ist es eher wie Mehl und klumpt unten zusammen? Was muss ich machen, dass es sich im Körper gut auflöst? Und dort hinkommen kann, wo es seine Wirkung zeigen kann?

Dein Team versucht ein Problem zu lösen: Die Medikamente für entzündliche Darmerkrankungen sollen besser werden. Was ist die Herausforderung daran?

Das Hauptproblem ist, dass wir die Ursache für die Erkrankung nicht genau kennen. Das macht es sehr schwierig, ein Medikament zu finden, das genau die Ursache angeht. Auf der anderen Seite ist es eine Krankheit, die immer wieder auftritt. Mal ist sie besser, mal wird sie schlimmer. Wodurch diese Schübe genau ausgelöst werden, weiss man nicht. Es können externe Faktoren sein, wie Stress. Man kann aber nicht genau sagen, welche Faktoren wann bei wem zu einem Schub führen. Diese Kombination von mangelnder Ursachenkenntnis und den Schüben erschwert unsere Arbeit.

Und wo genau setzt ihr da an?

Uns geht es darum, den Patient*innen bei einem Schub die Schmerzen zu nehmen und zu schauen, dass die Entzündung möglichst schnell wieder abflammt. Die Schmerzen dauern nach dem Schub noch lange an, was eine grosse Belastung für die Betroffenen ist. Wenn es hier eine wirksame Medikation gäbe, die gleichzeitig auch die Entzündung hemmt, wäre das super. Zu Beginn unseres Projektes vor drei Jahren haben wir uns ein Wirkungs-Prinzip überlegt. Dann haben wir dieses überprüft und ausprobiert, ob es funktioniert. Die chemischen Moleküle, die gut funktionieren, versuchen wir dann zu optimieren: Das heisst, wir schauen, dass sie im Körper möglichst gut aufgenommen und vertragen werden und dass sie keine Nebenwirkungen haben.

Forschung ist definitiv Gruppenarbeit. Das war mir nicht wirklich bewusst, als ich zu arbeiten begann.

Läuft der Prozess wie am Schnürchen?

Nein. Die Projekte sind zyklisch. Das heisst, bei den vorklinischen oder klinischen Studien finden wir oft heraus, dass das Molekül, das wir im Labor optimiert haben, dann doch Dinge tut, die nicht ideal sind. Dann gehen wir wieder einen Schritt zurück und schauen uns andere Moleküle an. Oft finden wir auch Dinge heraus, die spannend für andere Medikamente sind und daraus ergibt sich wieder ein neues Projekt.

Gab es Momente in deinem Studium, wo es nicht reibungslos lief? Wie bist du mit diesen Herausforderungen umgegangen?

Der Start an der Uni war für mich holprig. Der Stoff war viel umfangreicher und das Tempo viel schneller als an der Schule. Da habe ich mich schon gefragt: Wie krieg‘ ich das hin? Die Prüfung im Fach Instrumentalanalytik musste ich dreimal schreiben. Instrumentalanalytik ist übrigens das, was ich jetzt bei Roche am meisten mache (lacht). Hätte ich die dritte Prüfung nicht geschafft, wäre ich von der Uni geflogen. Ich habe mich dann mehr reingekniet und mir Hilfe bei den Mitstudierenden geholt, die mir viel erklärt haben. Der Studiengang war sehr klein, wir waren 30 Leute. Zu wissen, dass die anderen vor den gleichen Problemen stehen wie ich und man sich helfen kann, das hat mir während des Studiums sehr geholfen.

 Der Start an der Uni war für mich holprig. Ich habe mich dann mehr reingekniet und mir Hilfe bei den Mitstudierenden geholt.

Du arbeitest zusammen mit einem Laboranten und einem Chemiker. Wie würdest du eure Teamarbeit beschreiben?

Mit dem Laboranten arbeite ich sehr eng zusammen. Wir diskutieren, wie wir vorgehen, etwa wenn wir ein schwieriges Molekül haben, das sich schlecht lösen lässt. Was probieren wir aus, was könnte funktionieren und was  nicht? Der Laborant führt die Arbeiten dann aus und wir interpretieren die Ergebnisse zusammen. Mit dem Chemiker bin ich in einem grösseren Projektteam. Hier geht es zum Beispiel darum, mehr Wirkstoff herzustellen, damit dann auch die klinischen Phasen beliefert werden können. Vorher werden ja nur ein paar Milligramm hergestellt und später dann schon Kilogramm. Mit dem Chemiker mache ich auch die Planung und Strategie für das Projekt, damit wir es gut weitergeben können in die klinische Phase.

Hast du eine Erklärung dafür, weshalb man Forscher*innen oft als Einzelkämpfer*innen wahrnimmt, obwohl sie eigentlich vor allem im Team arbeiten?

Ich kann mir vorstellen, dass wir jene Forscher*innen als Einzelpersonen wahrnehmen, die sehr weltveränderende Ideen und einen speziellen Charakter hatten. In der Realität  haben auch diese grossen Forscher*innen in Teams gearbeitet. Forschung ist definitiv Gruppenarbeit. Das war mir auch nicht wirklich bewusst, als ich zu arbeiten begann. Erst im Projekt merkte ich: Es braucht die Arbeit der anderen für meine Arbeit und die anderen sind auf meine Arbeit angewiesen. Man kann nicht einfach sagen: So, das lassen wir jetzt mal weg. Dann funktioniert es nämlich nicht. Es braucht alle Teile.

Es lohnt sich, die Syntheserouten anzuschauen und weniger Lösungsmittel zu verwenden oder solche, die weniger umweltschädlich sind.

Was denkst du, wo kann die Chemie am meisten beitragen, um die Welt von morgen besser zu machen?

Ich denke im Bereich Umweltschutz. Es gibt schon Lösungen im kleinen Massstab, die die konventionellen Lösungen sehr gut ablösen können. Ein Nischenbeispiel aus der Industrie sind die Syntheserouten: Hier verwendet man sehr viel organische Lösungsmittel, was umwelttechnisch nicht ideal ist. Hier lohnt es sich, die Syntheserouten anschauen und weniger Lösungsmittel zu verwenden oder solche, die weniger umweltschädlich sind.

Im Juli 2023 fand in der Schweiz die Internationale Chemie-Olympiade statt. Welche Erinnerungen werden da bei dir wach?

Mit 15 habe ich an der Chemie-Olympiade in Deutschland teilgenommen. Die erste Runde musste man von zu Hause aus lösen. Für die zweite Runde durfte ich mich zusammen mit einem Freund für mehrere Tage an der Uni in die Chemie-Vorlesungen setzen. Ich komme vom Land: Ich konnte Grosstadt-Luft und Uni-Luft schnuppern, das war super. Das Knobeln an den Aufgaben hat mir wirklich Spass gemacht!

 

Originaltext: Science Olympiad
Interview: Miriam Sager
Bild: Claudia Cristen

Privacy Preference Center