Meitli-Technik-Tage im Frühling 2022

Insgesamt fünf Meitli-Technik-Tage durften wir in diesem Frühjahr durchführen.  Herzlichen Dank an Siemens, MAN Energy Solutions und ABB für die tolle Möglichkeit! Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit.  Zudem dürfen wir uns über Zuwachs von Unternehmen, die sich am Projekt beteiligen, freuen: Neu werden im Herbst 2022 UBS Business Solutions und Feller AG by Schneider Electric jeweils einen Meitli-Technik-Tag anbieten.

Mit den Meitli-Technik-Tagen wollen wir junge Frauen für technische Berufsausbildungen begeistern und ihnen einen Einblick in die Technikwelt ermöglichen.

Im Video sehen Sie einige Highlights von den zweitägigen Meitli-Technik-Tagen bei MAN Energy Solutions im April.

https://youtu.be/976ek0xZFEI


«Es gibt keine schlechten Bewerber:innen, es gibt nur schlechte Matches»

David Gisler ist Head of Talent Acquisition bei Siemens und Vorstandsmitglied bei IngCH. Obwohl der studierte Soziologe in seiner Funktion im Personalwesen tätig ist, besitzt er eine grosse Begeisterung für technische Themen und schlägt auf diese Weise die Brücke zwischen Mensch und Technik. Wie sich Siemens für die Nachwuchsförderung engagiert und weshalb heutzutage bei der Rekrutierung die Persönlichkeit eine grössere Rolle spielt als das ausschliessliche Beherrschen einer Technologie, erfahren Sie im Interview.

David Gisler, wie sieht Ihr Werdegang aus?

Ich habe das naturwissenschaftliche Gymnasium besucht, weil ich schon immer an technischen Themen interessiert war. Seit meiner Kindheit wollte ich wissen, wie etwas funktioniert. Während des Gymnasiums war mir aber auch das Thema «Mensch und Gesellschaft» wichtig. Ich habe mich deshalb für ein geisteswissenschaftliches Studium entschieden: Soziologie.

Im Personalwesen kann ich nun beide Welten vereinen. Einerseits sind das technische Verständnis und das analytische Denken sehr wichtig, damit man die Bewerbungen aus dem technischen Umfeld gut verstehen kann und weil auch unsere Rolle in der Rekrutierung immer mehr von neuen Technologien wie künstlicher Intelligenz geprägt wird. Andererseits ist auch ein Verständnis für die Menschen essenziell, um den Einfluss der Technik auf die Gesellschaft zu verstehen.

Wieso engagiert sich Siemens bei IngCH für die Nachwuchsförderung?

Nachwuchsförderung ist bei uns ein grosses Thema. Wir haben unser eigenes Programm «Generation 21» und beginnen damit auf Kindergartenstufe. Es gibt eine sogenannte Forscherkiste, mit welcher die Kinder selbst Sachen ausprobieren können. Auf der Primarschulstufe wird es konkreter: Wir bieten Programmier- und Denkworkshops an, um den technischen Zugang zu ermöglichen. In der Berufsbildung wird es noch greifbarer. Jedes Jahr bilden wir 260 Lernende aus. Zudem pflegen wir eine enge Zusammenarbeit mit den Hochschulen und sponsern beispielsweise den Siemens Excellence Award. Dieser Preis ist mit 10’000 Franken dotiert und geht an die beste Bachelor-Diplomarbeit im technischen Umfeld. Alle diese Bemühungen werden abgerundet durch unser Engagement bei IngCH. Damit unterstützen wir verschiedene Projekte, wie zum Beispiel die Meitli-Technik-Tage, «Achtung Technik Los!», Technik- und Informatikwochen sowie diverse weitere Aktivitäten.

Wie hat sich die Rekrutierung von Ingenieur:innen bei Siemens verändert?

Es hat ein grosser Wandel stattgefunden. Früher haben wir uns mehr auf die Beherrschung von Technologien und Tools fokussiert. In der heutigen Welt wandeln sich diese immer schneller. Deshalb legen wir den Schwerpunkt auf Persönlichkeiten. Zwei Kerndimensionen sind «Growth Mindset» und «Empower People». Die Leute begeistern zu können und selbst immer neugierig zu bleiben, sich in neue Themen hineinzudenken, etwas schnell erlernen zu können: Das sind für uns Schlüsselkompetenzen.

Welches sind für Siemens die grössten Herausforderungen bei der Suche nach neuen Mitarbeitenden?

Wir sagen immer, dass es keine schlechten Bewerber:innen gibt, es gibt nur schlechte Matches. Unsere grösste Herausforderung ist es, die Talente mit den richtigen Aufgaben zusammenzuführen. Man darf nicht vergessen, dass wir einen Grossteil unseres Lebens bei der Arbeit verbringen. Wenn die Arbeit mit Passion ausgeübt werden kann, dann haben wir eine grosse Genugtuung in unserem Beruf. Und genau hier sehen wir die Herausforderung: Dass es sowohl für die Bewerber:innen passt als auch für unser Unternehmen.

Was würden Sie Schüler:innen für die Berufs- und Studienwahl mit auf den Weg geben?

Wichtig ist, dass man sich für etwas entscheidet, wofür man eine Passion hat. In jeder Funktion wird es schwerfälligere Phasen geben. Dann hilft es, wenn man mit Überzeugung und Begeisterung dranbleibt und so auch die schwierigeren Zeiten übersteht. Ich denke, dass es falsch ist, sich aus rationalen Gründen für einen Beruf zu entscheiden, zum Beispiel Ingenieur:in zu werden, nur weil die Jobsicherheit garantiert ist. Das wäre die falsche Motivation. Für IT-Themen zu brennen, dank Technologie etwas in die Nachhaltigkeit zu investieren: Wenn das die Treiber sind, dann ist ein Beruf im technischen Umfeld bestimmt die richtige Entscheidung.

 

Interview: Nathalie Künzli, Projektleiterin IngCH

 

 

 

 


Meitli-Technik-Tage bei ABB

Die Berufswahl ist alles andere als eine einfache Entscheidung. Die Meitli-Technik-Tage haben unter anderem das Ziel, jungen Frauen eine der vielen Türen zu öffnen und einen Einblick in die technische Berufswelt zu geben.

Bei ABB und libs Industrielle Berufslehren Schweiz nahmen diese Woche rund 38 Mädchen an den Meitli-Technik-Tagen teil. Viele konnten während des interaktiven Programms zum ersten Mal Technikluft schnuppern und sich einen Überblick über die Welt der Technik und Informatik verschaffen.


Moritz Lechner

Sensirion AG


Vanessa Wood

Prof. Vanessa Wood is a full professor and the Vice President for Knowledge Transfer and Corporate Relations at ETH Zürich. 2011 she was appointed professor in the Department of Information Technology and Electrical Engineering at ETH Zürich. Her research group is the Materials and Device Engineering Group. Since 2018 she has been the chair of the Institute for Electronics. From 2018 to 2020 she was also head of the department. In 2021 she was appointed Vice President for Knowledge Transfer and Corporate Relations. She won the 2014 Science Prize in Electrochemistry endowed by BASF and Volkswagen Group, and the Outstanding Young Investigator Award from the Materials Research Society in 2018. Vanessa Wood holds a Bachelor of Science in Applied Physics from Yale University (2005), a master’s in electrical engineering and computer science from Massachusetts Institute of Technology (MIT) (2007), and a PhD in Electrical Engineering, MIT (2009).


Fabian Birzele

F. Hoffmann-La Roche Ltd.


«Die Welt wird nie stillstehen, und deshalb wird es immer Ingenieur:innen brauchen»

Daniel Andris ist Head of Corporate Solutions Risk Engineering Services Casualty bei Swiss Re und Vorstandsmitglied bei IngCH. Wie der studierte Chemiker aus der Forschung und Entwicklung in die Versicherungsbranche kam, weshalb sein Beruf weit entfernt von Routine ist und warum er Schüler:innen bei der Berufswahl rät, nicht nur auf den Trendradar zu schauen, erfahren Sie im Interview.

Daniel Andris, können Sie mir bitte zuerst erklären, was Sie in Ihrem Berufsalltag als Head of Corporate Solutions Risk Engineering Services Casualty grundsätzlich machen?

Mein Beruf ist der des Risikoingenieurs. Wir analysieren Unternehmen in Hinsicht auf deren Risiken aus dem Blickwinkel der Versicherung. Als Industrieversicherung decken wir die Risiken eines Unternehmens aus dessen betrieblicher Tätigkeit. Bei einem Unternehmen können unterschiedliche Sachen passieren: Elementarschäden, Feuerschäden bis hin zu Haftpflichtschäden, also Schäden gegenüber Dritten, zum Beispiel verursacht durch Unglücke in den betrieblichen Tätigkeiten oder durch Produkte. Das Ganze ist vielschichtig und mannigfaltig. Wir müssen verstehen, welche Risiken wir versichern und welche Schäden daraus entstehen könnten. Um dafür eine solide Basis zu haben, gibt es diese Disziplin Risk Engineering. Das ist eine Seite des Auftrags zugunsten meines Arbeitgebers. Dasselbe machen wir auch für Kund:innen. Die Kund:innen, die sich bei uns versichern, haben den Vorteil, von dem Wissen der erfahrenen Risikoingenieur:innen zu profitieren. So geben wir ihnen die Expertise zurück, sich selbst zu verbessern, am Risikomanagement zu arbeiten und auf diese Weise Schäden zu vermindern oder zu verhüten.

Und wie sind Sie dazu gekommen, dass Sie heute diesen Beruf ausüben? Ich habe gelesen, dass Sie ursprünglich Chemie studiert haben?

Ich machte die Lehre zum Chemielaboranten und studierte anschliessend an der Fachhochschule Winterthur Chemie. Danach arbeitete ich in der Forschung und Entwicklung. Ich kam dann eher per Zufall auf meinen heutigen Beruf. Ich fragte mich, was mein nächster Entwicklungsschritt sein könnte, und schaute mich etwas um. Ehemalige Arbeitskolleg:innen, die bereits im Bereich Risk Engineering tätig waren, machten mich auf eine offene Stelle aufmerksam. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch kein Bild von Versicherungen. Ich schaute mir den Bereich dann genauer an, denn ich war schon immer an Risiko und Risikomanagement interessiert. Von daher sprach mich die Stelle auch sehr an, weshalb ich einstieg und bis heute dabei bin.

Wie lange sind Sie denn jetzt schon bei Swiss Re?

Ich bin jetzt seit 20 Jahren dabei und hatte das Glück, immer ein gutes Umfeld zu haben. Ich fing als Risikoingenieur im Bereich Life Science und Chemie an und brachte meine Arbeitserfahrung sowie mein Hintergrundwissen ein. Ich hatte dann die Gelegenheit, mich weiterzuentwickeln und ein lokales Team sowie grössere Projekte zu führen. 2015 übernahm ich die Gesamtabteilung Haftpflichtrisiken innerhalb von Risk Engineering Services. Das ist ein global verteiltes Team, welches auf allen grossen Kontinenten präsent ist.

Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?

Was mich enorm fasziniert, ist die grosse Vielseitigkeit und die Wichtigkeit der grossen Zusammenhänge – sämtliche Entwicklungen, die irgendwo stattfinden, sei es technologisch, gesellschaftlich oder geopolitisch, bestimmen die Tätigkeiten in unserem Alltag. Diese Veränderungen auf einer globalen Landkarte immer im Auge zu behalten, weil alle diese Entwicklungen Einfluss auf die Risiken der Unternehmen haben, begeistert mich. Von daher ist mein Bereich sicher auch einer, in dem keine Routine einkehrt. Das ist sicher auch ein Grund, weshalb viele Teammitglieder schon lange dabei sind. Unser Beruf wiederholt sich grundsätzlich nicht, weil sich das Umfeld konstant entwickelt, und das macht die Arbeit sehr spannend.

Das glaube ich. Kann es manchmal auch eine Herausforderung sein, wenn etwas eintrifft, womit man gar nicht gerechnet hat? Oder passiert das gar nicht?

Nein, absolut, das ist eigentlich Faszination und Herausforderung zugleich. Es ist ein Teil unserer Arbeit, Veränderungen zu erkennen. Der andere Teil ist aber auch, welchen Einfluss Veränderungen auf die Risiken haben: Hat zum Beispiel eine neue technologische Entwicklung einen risikomindernden Einfluss, weil mehr Sicherheitselemente entstehen? Oder hat sie einen risikoerhöhenden Einfluss, weil sie zum Beispiel komplexer ist, anspruchsvoller zu kontrollieren und dadurch auch mehr oder andere Risiken bringt? Das ist immer ein Abwägen. Die Herausforderung ist es, Evidenz für die Tendenz zu finden und aufzuzeigen.

Wenn Sie zurück in Ihre Jugendzeit gehen könnten, würden Sie sich nochmals für denselben Weg entscheiden?

Ich denke schon. Einer Sache auf den Grund zu gehen und zu verstehen, wie etwas funktioniert und aufgebaut ist, hat mich seit meiner Jugend immer fasziniert. Ich würde mich als vielseitig interessiert beschreiben. Ob das jetzt nochmals Chemie oder ein anderer naturwissenschaftlicher Bereich wäre, weiss ich nicht. Aber Chemie hat mich immer fasziniert, denn sie geht an die Basis, wie Materialien und warum sie zusammengesetzt sind und weshalb sie welche Eigenschaft besitzen.

Was denken Sie, welche Eigenschaften und Interessen eine Person haben sollte, die ein Ingenieurstudium oder ein naturwissenschaftliches Studium wie Chemie absolvieren möchte?

Ein intrinsisches Interesse an Dingen. Daran, wie etwas funktioniert, wie etwas aufgebaut ist. Der innere Antrieb, hinter die Fassade zu schauen und etwas auf den Grund gehen zu wollen. Ich denke, diese Interessen sollten da sein. Dann kommt es darauf an, welche Materie oder welche naturwissenschaftliche Richtung einen interessiert. Die Ingenieurdisziplinen haben aus meiner Sicht aber alle etwas gemeinsam: verstehen zu wollen, weshalb Sachen so sind, wie sie sind, und wie sie funktionieren.

Welchen Tipp würden Sie Schüler:innen für die Berufs- und Studienwahl mit auf den Weg geben?

Ich würde das tun, was einen interessiert, und mich nicht zu stark davon leiten lassen, was momentan en vogue ist oder was Prestige bringen könnte. Das Studium verlangt einem genug an Motivation ab. Es ist manchmal anstrengend und erfordert Ausdauer. Gerade deshalb sollte man dafür Interesse haben. Nach dem Abschluss stehen alle Türen offen. Das Ingenieurwesen und die Naturwissenschaften sind auf jeden Fall zukunftsträchtig. Wir sind mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Es braucht folglich entsprechend ausgebildete Leute, die in der Lage sind, diese Herausforderungen in die Hand zu nehmen und Lösungen dafür zu entwickeln und zu bauen. Die Welt wird nie stillstehen, und deshalb wird es auch immer Ingenieurinnen und Ingenieure brauchen.

Wieso engagiert sich Swiss Re bei IngCH für die Nachwuchsförderung?

Wir sind ein Unternehmen, welches den Anspruch hat, divers in allen Facetten zu sein. Gerade im Ingenieurwesen ist die Förderung von Frauen ein grosses Thema. Diversität geht aber darüber hinaus. Diversität sind auch Denkmuster: Was motiviert uns an der Arbeit, welchen Blick haben wir auf Themen, Geschäfte, Technologien und die Gesellschaft? Für uns ist diese Diversität auch wichtig. Wir möchten verschiedene Hintergründe und Sichtweisen, seien es betriebswirtschaftliche, arbeitspsychologische, gesellschaftliche oder auch technische. Darum haben bei uns Naturwissenschaftler:innen und Ingenieur:innen eine grosse Bedeutung und sind in verschiedenen Hierarchien vertreten. Es ist folglich auch eine intrinsische Motivation, sich verschiedenartig zu engagieren und eben auch für IngCH. Das Engagement bei IngCH besteht auch daraus, zu zeigen, wie vielseitig der Ingenieurberuf ist. In vielen Branchen werden immer mehr Ingenieur:innen benötigt.

 

Interview: Nathalie Künzli, Projektleiterin IngCH

 

 

 

 


Es gibt immer weniger Elektro­inge­nieure FH

Die Studieneintritte für Elektrotechnik an Fachhochschulen sind in den vergangenen Jahren zurückgegangen:
- 2016: 413 Studieneintritte
- 2020: 353 Studieneintritte
(Quelle: Dashboard IngCH)

Woran liegt das? Guido Santner, Projektleiter bei IngCH und freier Fachjournalist, geht dieser Frage nach. Zu welchem Schluss er kam, lesen Sie im Artikel im Bulletin von Electrosuisse.


«Das Spannende und Schöne am Bauingenieurberuf ist, dass man ihn sozusagen anschauen kann»

Wie kann das schweizerische Eisenbahnnetz bedarfsgerecht ausgebaut werden und gleichzeitig ökonomisch vertretbar sein? Mit dieser Frage beschäftigt sich Reto von Salis, Leiter Netzentwicklung bei der SBB und Vorstandsmitglied bei IngCH. Wie er zu dieser Funktion kam, weshalb ihn das Lösen von Zielkonflikten begeistert und welche Interessen angehende Bauingenieurinnen und Bauingenieure haben sollten, lesen Sie im Interview mit IngCH.

Reto von Salis, möchten Sie zuallererst etwas über Ihren Werdegang erzählen?

Das mache ich sehr gerne. Während meiner Zeit im Gymnasium überlegte ich mir, wo mein Berufsweg hingehen sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit dem Bauingenieurwesen noch nichts zu tun. Meine Eltern waren beide Lehrpersonen, mein Vater war Physiklehrer. Physik hatte mich immer sehr interessiert, war mir aber zu theoretisch. Ich wollte nichts machen, das in der Theorie hängen bleibt. Damals war ich generell fasziniert davon, wie Bauwerke entstehen. So kam für mich der Ingenieurberuf ins Spiel, und mein Interesse am Bauingenieurwesen wurde geweckt.

Ich studierte Bauingenieurwesen an der ETH Zürich. Während meiner ersten Arbeitsstelle führte ich klassische Ingenieurarbeiten aus, wie zum Beispiel Häuser konstruieren oder Strassen planen. Nach fünf Jahren durfte ich die Projekt- und Bauleitung für eine Eisenbahnbrücke übernehmen. Spannend war dabei, nicht nur Ingenieur zu sein, sondern auch auf der Bauherrenseite das Projekt zu leiten. Ich wechselte im Jahr 2000 zur SBB und war zuerst als Projektleiter für Infrastrukturprojekte tätig. Nachdem ich vor allem für Bahnhofumbauten, Streckenumbauten und Brückensanierungen verantwortlich gewesen war, erhielt ich bald einen Auftrag als Projektmanager für ein Projekt im Rahmen von Bahn 2000. Die Grösse dieses Projekts faszinierte mich. Nach einiger Zeit übernahm ich eine Teamleitung und konnte mich Schritt für Schritt bis 2014 zum Leiter Projektmanagement im Infrastrukturbereich der Region Mitte weiterentwickeln. Die Frage, weshalb es eigentlich solche Infrastrukturprojekte braucht, liess mir keine Ruhe, sodass ich anschliessend in den Bereich Netzentwicklung wechselte. Seit 2017 bin ich für die Netzentwicklung der gesamten Schweiz verantwortlich.

Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?

Am meisten Spass macht mir das stetige Lösen von Zielkonflikten. Meistens gibt es einen Wunsch, der unbezahlbar ist. Den Wunsch muss man eingrenzen, damit er erfüllt werden kann. Konkret heisst das: Wenn man ein neues Eisenbahnangebot fahren möchte, braucht es eine Infrastruktur, und diese muss bezahlbar sein. Das ist der erste Zielkonflikt. Der zweite ist technischer Natur. Es gibt viele Möglichkeiten, wie die Infrastruktur ausgebaut werden kann. Die Flughöhe am Anfang eines Wunsches ist sehr hoch – man hat nur eine grobe Idee davon, wie man den Wunsch erfüllen wird. Mit der Zeit wird die Umsetzung aber immer konkreter, und am Schluss, und das ist eben das Spannende und Tolle daran, wird der Wunsch erfüllt: Es gibt eine Baustelle, aus welcher ein Endprodukt entsteht, das für die Eisenbahnkunden einen Mehrwert schafft. Ich glaube, das ist generell das Spannende am Ingenieurwesen.

Wenn Sie sich nochmals für einen Beruf entscheiden müssten, würden Sie wieder denselben Weg wählen?

Diese Frage habe ich mir auch schon einige Male gestellt. Die Antwort ist: Ja, natürlich, ich würde es wieder machen! Wenn ich nochmals an diesem Punkt wäre, hätte ich dieselbe Entscheidung getroffen und mich auch entschlossen, Führungsverantwortung wahrzunehmen. Ich denke, dass ein Ingenieurrucksack eine sehr gute Basis ist, um sich in Führungsaufgaben weiterzuentwickeln.

Angenommen, eine Person möchte in Ihre Fussstapfen treten und auch Bauingenieurin oder Bauingenieur werden. Welche Eigenschaften und Interessen sollte diese Person grundsätzlich mitbringen?

Das ist meiner Meinung nach bei allen Berufen gleich: Man sollte sehr daran interessiert und motiviert dafür sein. Ich sage nicht, dass man in der Mathematik oder den Naturwissenschaften der absolute Profi sein muss. Ein gewisses Grundverständnis in den Naturwissenschaften hilft aber, damit man die Zusammenhänge verstehen kann. Man sollte aber vor allem daran interessiert sein, Probleme technischer Natur zu lösen. Die ersten paar Jahre, egal, wo später der berufliche Weg hinführt, wird man nämlich damit beschäftigt sein.

Wenn Sie Schülerinnen und Schülern einen Tipp mit auf den Weg geben müssten, wenn diese vor der Wahl stehen, sich für den Bauingenieurberuf zu entscheiden, welcher wäre das?

Ich würde ihnen empfehlen, ein Infrastrukturprojekt zu besichtigen und mit eigenen Augen zu sehen, wie zum Beispiel ein Haus gebaut wird. Zu sehen, dass es dafür Planung braucht, dass dabei sehr viele interessante Sachen passieren und verschiedene Varianten entstehen. Das Spannende und Schöne am Bauingenieurberuf ist, dass man ihn sozusagen anschauen kann, indem man die Projekte besichtigt und sieht, wie etwas entsteht. Und man sieht auf diese Weise auch, dass Bauingenieurinnen und Bauingenieure eine grosse Verantwortung tragen. Sie erstellen sozusagen die Ikea-Anleitung für alle am Bau beteiligten Personen und sind verantwortlich, dass alle Elemente des Bauwerks zusammenpassen, gebrauchsfähig und sicher sind. Aber auch dafür, dass die Kundinnen und Kunden rechtzeitig das Bauwerk zu den vereinbarten Kosten erhalten und daran Freude haben.

Die SBB engagiert sich schon seit einiger Zeit bei IngCH für die Nachwuchsförderung. Was sind die Beweggründe für dieses Engagement?

Einerseits besteht ein Eigeninteresse, dass sich junge Ingenieurinnen und Ingenieure und auch Leute aus anderen Berufsgattungen bei der Stellensuche für die SBB interessieren. Der Arbeitsmarkt ist besonders in den Ingenieurberufen, aber auch im IT-Wesen ausgetrocknet. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die jungen Talente der SBB sehr viel beisteuern. Das Engagement ist eine Investition in unseren Pool an Arbeitskräften, auch im Bewusstsein, dass es nicht immer funktioniert, denn es gibt auch noch viele andere interessante Arbeitgeber und Berufsrichtungen. Wir haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass sich unsere Trainee-Programme, Hochschulpraktika und die IngCH-Mitgliedschaft mehr als ausbezahlen, wenn auch nur wenige Fachkräfte dadurch rekrutiert werden. So sind es zumindest mehr als ohne diese Aktivitäten.

Stellt sich bei der SBB die Suche nach neuen Mitarbeitenden als Herausforderung dar? Gerade auch im technischen Bereich?

Ja. Es ist grundsätzlich so, dass viele Stellen ein Profil mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung möchten. Es ist schwierig, die Berufsleute an diesem Punkt zu motivieren, die Stelle zu wechseln. Auch mit den Hochschulabsolventinnen und -absolventen ist es nicht so einfach. Wir haben aber auch viele Stellen ausgeschrieben, mit Corona etwas weniger. Grundsätzlich suchen wir jedoch immer neue Arbeitskräfte, da wir in einem wachsenden Markt sind. Gerade bei den Ingenieurberufen ist es schon schwierig. Teilweise benötigen wir sechs bis zwölf Monate, bis die Stelle besetzt werden kann. Viele wissen auch nicht, dass die SBB Ingenieurinnen und Ingenieure suchen.

 

Interview: Nathalie Künzli, Projektleiterin IngCH

 

 

 

 

 


Privacy Preference Center