Virtual Reality als Lernort für die Berufliche Grundbildung – Pilotversuch an Berufsschulen in Tansania
Virtual Reality (VR)-Lernübungen sind bekannt dafür, dass sie die Motivation von Schüler:innen steigern und sich gut skalieren lassen. In Zentraltansania führten die Organisation für Entwicklungszusammenarbeit Helvetas und die ZHAW eine Pilotstudie mit Lernenden der Elektrotechnik an zwei staatlichen Berufsschulen durch.
VR ermöglicht es den Lernenden, jederzeit und überall mit verschiedenen anspruchsvollen oder sogar potenziell gefährlichen praktischen Tätigkeiten zu lernen und zu experimentieren – mit minimaler Aufsicht durch eine:n Ausbilder:in. VR-Szenarien oder Serious Games machen den Schüler:innen Spass und faszinieren sie und können ein wirksames Element für ansprechende Lernumgebungen sein. Empirische Studien der letzten Jahre legen nahe, dass Schüler:innen in Prüfungen besser abschneiden, wenn sie zuvor in VR geübt haben. Darüber hinaus kann die Technologie einen möglichen Mangel an physischen Lehrmitteln und Infrastrukturen ausgleichen, was zu besserem Lernen und höherer Motivation führt.
Im Juni 2022 untersuchten Helvetas und ZHAW School of Engineering das Potenzial des Einsatzes von VR-Technologie bei Elektroinstallations-Lernenden an öffentlichen Berufsschulen in Tansania. Die Tests wurden in Dodoma und Singida durchgeführt, zwei der landesweit 33 Colleges der Vocational Training and Education Authorities (VETA). Helvetas arbeitet derzeit mit der VETA in zwei Projekten zusammen: in einem Berufsbildungsprojekt in Zentraltansania und in der Gamification und Vermarktung von mobilen Lernkursen für die Berufsbildung.
Das VR-Szenario ermöglicht es den Lernenden, in einer VR-Darstellung einer Autogarage und eines angrenzenden Kellers eine einfache Elektroinstallation aus einer Lampe und einem Sicherungskasten zu testen. Nach einer kurzen Einführung führten kleine Gruppen von Schüler:innen und Lehrpersonen anspruchsvolle elektrische Messungen durch, die Teil ihres Lehrplans für Elektrotechnik sind: Sichtprüfung, Isolationsmessung, Fehlerstromschutzschaltermessung. Sie müssen in der Lage sein, die vorgegebenen Handlungselemente korrekt auszuführen und auf eventuelle Fehler im System zu reagieren. Text- und Audiohilfen in Suaheli führen die Schüler:innen durch die Aufgaben, die eng an die lokal verwendeten Elektrogeräte angepasst sind.
Die grosse Mehrheit der 24 Schüler:innen und 6 Lehrkräfte genossen die Erfahrung und empfanden sie als sehr motivierend. Die Erfahrung mit Video- und Handyspielen schien beim Erlernen der Steuerung zu Beginn des Tests zu helfen, da jüngere Lehrpersonen und Schüler:innen viel schneller damit zurechtkamen. In den nächsten Wochen wird eine Umfrage ausgewertet, um mehr über die Erfahrungen und Herausforderungen zu erfahren, mit denen die Schüler:innen und Lehrpersonen konfrontiert waren.
Umfassenderes VR-Forschungsprojekt in der Schweiz
Der Pilotversuch ist Teil eines grösseren Forschungsprojekts der ZHAW und der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH), das die Auswirkungen des VR-Trainings auf die Noten der Abschlussprüfungen von Schweizer Elektrotechnik-Studierenden eingehend prüft – ein Forschungsprojekt, das von der Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen finanziert wird. Ziel ist es, die notwendigen didaktischen und gestalterischen Faktoren für einen effektiven Einsatz von VR in der beruflichen Grundbildung in der Schweiz und in Tansania zu untersuchen. Ausserdem wird das Team zusammen mit einer Schweizer Softwarefirma ein Geschäfts- und Betriebsmodell für die Produktion und den Vertrieb von VR-Lerneinheiten entwerfen. Dazu hat das Team der ZHAW und der PHZH die Szenarien in der Software Unity für Oculus Quest 2 unter Verwendung des VR Interaction Frameworks gebaut und den Anwendungsfall für Lernende, die sich in der Schweiz auf ihre Prüfung als Montageelektriker:innen vorbereiten, getestet: die korrekte Sicherheitsprüfung einer Elektroinstallation nach den Vorgaben der Schweizerischen Normungsorganisation Electrosuisse.
Nächste Entwicklungsschritte für den VR-Piloten
Die Schweizer Version des VR-Szenarios verfügt über weitere Elemente, die den Lernprozess unterstützen: ein Hilfebildschirm, der die anstehenden Arbeitsschritte anzeigt und bei Bedarf weitere Hilfestellungen geben kann. Über das Chatbox-ähnliche Dashboard erhalten die Lernenden zudem gezielt theoretische Inputs, die bei bestimmten Messungen ausgefüllt werden müssen, um das Szenario voranzutreiben. Als Gamification-Element hilft ein Leaderboard, die Motivation der Lernenden zu steigern. Die Ergebnisse der breiteren Studie von ZHAW und PHZH im Rahmen dieses Forschungsprojekts werden bessere Erkenntnisse über die Wirksamkeit der Trainingsszenarien liefern. VR wird (vorerst) nicht die Art und Weise verändern, wie wir lernen, aber gut entwickelte VR-Trainingsanwendungen können eine wertvolle Ergänzung zu ansprechenden Lernumgebungen für die Ausbildung von beruflichen Fähigkeiten sein. Die Tests in der Schweiz und in Tansania haben bereits gezeigt, wo wir die Tests für Elektrotechniklernende verbessern können: in erster Linie durch eine Multi-User-Funktion, so dass die Ausbilder:innen aus der Ferne auf die Brillen der Studierenden zugreifen können, um sie zu unterstützen, ohne die Brillen abnehmen zu müssen. Für die tansanische Version der Szenarien: eine vollständige Audiounterstützung in Suaheli.
Ein wachsendes VR-Ökosystem in Ostafrika
Während die Regierungsbehörde VETA erst anfängt, VR für die berufliche Bildung zu erforschen, ist VR im Bereich der beruflichen Bildung in Ostafrika nicht völlig neu. Die belgische Entwicklungsagentur Enable erprobte die VR-Technologie 2017 als IT-Hilfsmittel für die Ausbildung von Handpumpenmechaniker:innen in Geflüchtetenlagern. Verschiedene NGOs erforschen derzeit die Technologie zusammen mit lokalen Partnern in der Region für Schulungen im Bereich Schweissen, aber es gibt noch kein grösseres Projekt, das die Führung übernimmt.
Private Virtual-Reality-Produktionsfirmen sind seit einigen Jahren in Tansania und Ostafrika aktiv. Seit 2016 kombiniert OnaStories in Tansania VR/AR-Medientrainings für Unternehmen und NGOs mit VR-Videoproduktion und journalistischem Storytelling für private und institutionelle Kund:innen. Grosse lokal geführte IT-Unternehmen wie Magilatech beginnen, die VR-Technologie zu erforschen. Der Pionier in der Region ist seit 2015 das in Nairobi ansässige Unternehmen BlackRhino VR, das immersive Virtual-Reality-Technologien einsetzt, um Bildungsmaterial und Marketingkampagnen für grosse nationale und internationale Organisationen zu entwickeln.
Die Tests in Tansania zeigen die Faszination von Lehrpersonen und Schüler:innen für diese Technologie. Es muss erforscht werden, wie ein sinnvolles Projekt im Entwicklungsbereich umgesetzt werden könnte. Digitales Lernen im Allgemeinen hat vielerorts noch einen langen Weg vor sich, und VR kann eines der Elemente moderner Online-Schulungsplattformen und -systeme sein. Da der Einsatz von VR auch in den Schweizer Berufsbildungsinstitutionen noch begrenzt ist und erst am Anfang steht, müssen valide Business Cases untersucht werden, die die bereits existierenden lokalen Unternehmen einbeziehen.
Text: Reto Knaack, ZHAW School of Engineering und Franz Thiel, Helvetas
Bilder: © Franz Thiel, Helvetas, 2022
Quelle: ZHAW
Generalversammlung bei Sonova
Am 30.08. durften wir unsere 35. Generalversammlung bei der Sonova Gruppe durchführen.
Die 30 Teilnehmenden hatten im Anschluss an den offiziellen Teil die Möglichkeit, auf dem Produktionsrundgang mehr über Hörgeräte und Hörsysteme zu erfahren und so einen Einblick in die Forschungs- und Entwicklungsbereiche der Sonova zu erhalten. Sonova ist ein weltweit führender Anbieter von innovativen Lösungen rund um das Thema Hören und seit 2008 Mitglied bei IngCH.
Das anschliessende Apéro auf der Dachterrasse mit Aussicht auf den Zürichsee bot die Gelegenheit für einen regen Austausch.
Wir bedanken uns herzlich bei Sonova für die Gastfreundschaft und die spannende Führung sowie bei unseren Mitgliedern für das zahlreiche Erscheinen.
Jahresbericht 2021/2022
Der Jahresbericht 2021/2022 ist nun online – und zwar zum ersten Mal in der Geschichte von IngCH ausschliesslich im digitalen Format.
Nach der pandemiebedingten Pause konnten unsere Nachwuchsförderprogramme endlich wieder durchstarten: An insgesamt 33 Technik- und Informatikwochen, 9 «Achtung Technik Los!» Aktionstagen und 7 Meitli-Technik-Tagen konnte die interessante Welt der Technik und Informatik aufgezeigt werden. 2500 Jugendliche wurden so direkt erreicht.
Neben dem erstmaligen Onlineformat des Jahresberichts haben noch mehr digitale Veränderungen stattgefunden: Die IngCH-Website wurde neu lanciert und verfügt jetzt über ein interaktives und informatives Studien-Dashboard. Ausserdem ist unser Magazin IngFLASH nun ein Online-Magazin. In den Kategorien Portrait, Standpunkt und Science & Technology erscheinen regelmässig spannende Artikel online.
Den ausführlichen Jahresbericht 2021/2022 finden Sie hier. Eine Zusammenfassung über unsere Tätigkeiten und die Vorteile einer Mitgliedschaft bei IngCH finden Sie zudem in unserem Factsheet.
Anmeldung Meitli-Technik-Tage Herbst/Winter
Das neue Schuljahr hat begonnen und somit gehen auch die Meitli-Technik-Tage weiter. Die Anmeldungen für die Schnuppertage im Herbst und Winter 2022 sind offen: An insgesamt sechs Daten besteht die Möglichkeit, einen Einblick in Technikberufe bei UBS Business Solutions, Feller AG by Schneider Electric, ABB und Siemens zu erhalten.
Wir freuen uns auf zahlreiche Anmeldungen und auf spannende Tage bei den Unternehmen!
Mit den Meitli-Technik-Tagen zeigen wir Schülerinnen der Sekundarstufe I die Vielfalt technischer Berufe auf und geben ihnen einen einmaligen Einblick in die Technikwelt.
Un nouvel implant pour traiter des paralysies
L’image avait fait le tour du monde, fin 2018. David Mzee, un patient rendu paraplégique lors d’un accident de sport ayant provoqué une lésion partielle de sa moelle épinière, quittait sa chaise roulante pour se mettre à marcher avec l’aide d’un déambulateur. La réactivation de la moelle épinière avec des stimulations électriques donnait les premières preuves de sa pertinence.
Trois ans plus tard, une nouvelle étape est franchie par les équipes de Grégoire Courtine, neuroscientifique et professeur à l’EPFL, et Jocelyne Bloch, neurochirurgienne et professeure au CHUV. Grace au développement de nouveaux implants optimisés pour stimuler la région de la moelle épinière qui contrôle les muscles du tronc et des jambes et d’un nouveau software intégrant de l’intelligence artificielle, trois patients ayant souffert d’une lésion complète de la moelle épinière sont à présent capables de marcher en dehors du laboratoire. «Nos algorithmes de stimulation continuent à imiter la nature, explique Grégoire Courtine. Les nouveaux implants souples que nous plaçons sous les vertèbres au contact de la moelle épinière sont capable de moduler les neurones qui régulent l’activité de groupes musculaires précis. On peut ainsi activer la moelle épinière comme le cerveau le ferait naturellement pour tenir debout, marcher, faire du vélo, de la natation, etc.»
Un bouton pour activer les séquences motrices
En cette froide journée de décembre, des giboulées de neige s’abattent sur le Grand-Pont, à Lausanne. La bise glacée ne décourage pourtant pas Michel Roccati, un patient italien qui souffre d’une paraplégie complète suite à un accident de moto survenu 4 ans plus tôt. Il a lui aussi reçu le nouvel implant placé contre sa moelle épinière au CHUV par la neurochirurgienne Jocelyne Bloch.
Autour de lui, l’équipe du centre .NeuroRestore s’affaire. Deux petites télécommandes sont fixées sur un déambulateur. Une tablette envoie, sans fil, les commandes de stimulation au pacemaker qui est situé dans l’abdomen de Michel, et qui ensuite relaie les stimulations à l’implant médullaire pour permettre à Michel de se lever. Cramponné à son déambulateur, il fait la démonstration du système. Une pression sur le bouton de droite, conjointement à sa volonté d’activer ses muscles, et sa jambe gauche se fléchit comme par magie. Puis se repose, quelques centimètres plus loin. Michel actionne alors le bouton de gauche et sa jambe droite fait un pas. Il marche ! «Les tout premiers pas ont été vraiment incroyables, inespérés ! témoigne-t-il. Je m’entraîne énormément depuis plusieurs mois. Je fixe mes objectifs. Je peux même monter et descendre des escaliers. Je pense pouvoir franchir 1 km d’ici l'été.»
Deux autres patients suivent avec succès le même protocole, décrit aujourd’hui dans Nature Medicine. «La clé, ici, a été de pouvoir insérer un implant plus long et plus large, avec des électrodes disposées de manière à les faire correspondre précisément aux racines nerveuses de la moelle épinière qui nous permettent d’accéder aux neurones qui contrôlent les muscles », précise Jocelyne Bloch. Cela permet davantage de sélectivité et de précision dans le contrôle des séquences motrices associées à chaque activité.
En un seul jour
Un entraînement poussé est bien sûr nécessaire pour que les patients gagnent en mobilité. La récupération n’en est pas moins spectaculaire : «En une seule journée après l’activation de leur implant, nos trois patients pouvaient se lever, marcher, pédaler, nager et contrôler des mouvements du tronc, précise Grégoire Courtine. Ceci grâce à des programmes de stimulation spécifiques à chaque type d’activité, qui peuvent être sélectionnés à la demande sur la tablette, et ensuite générés par le pacemaker implanté dans l’abdomen.»
Aussi impressionnants que soient les résultats immédiats, c’est toutefois après quelques mois d’entraînement que les progrès se sont révélés les plus spectaculaires. Un programme d’entraînement à l’aide des programmes de stimulation a permis aux patients de regagner de la masse musculaire, d’augmenter leur autonomie de mouvement, et de renouer avec certaines activités sociales – partager une boisson debout à un bar, par exemple. Avantage considérable, grâce à la miniaturisation des équipements, ces entraînements peuvent se dérouler en extérieur et non plus seulement dans un laboratoire.
«Nous avons démontré une fois de plus la pertinence de notre approche, souligne Grégoire Courtine. Grâce à notre étroite collaboration avec ONWARD Medical, désormais cotée à la Bourse européenne, nous allons pouvoir transformer ces travaux de recherche en de véritables traitement dont pourront bénéficier des milliers de personnes de par le monde.»
Pour en savoir plus, visionnez le reportage vidéo de l’EPFL :
https://youtu.be/4wUADfnCMdc
Source : EPFL
Auto : Emmanuel Barraud
Image : © EPFL / Alain Herzog 2021
Meitli-Technik-Tage im Frühling 2022
Insgesamt fünf Meitli-Technik-Tage durften wir in diesem Frühjahr durchführen. Herzlichen Dank an Siemens, MAN Energy Solutions und ABB für die tolle Möglichkeit! Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit. Zudem dürfen wir uns über Zuwachs von Unternehmen, die sich am Projekt beteiligen, freuen: Neu werden im Herbst 2022 UBS Business Solutions und Feller AG by Schneider Electric jeweils einen Meitli-Technik-Tag anbieten.
Mit den Meitli-Technik-Tagen wollen wir junge Frauen für technische Berufsausbildungen begeistern und ihnen einen Einblick in die Technikwelt ermöglichen.
Im Video sehen Sie einige Highlights von den zweitägigen Meitli-Technik-Tagen bei MAN Energy Solutions im April.
https://youtu.be/976ek0xZFEI
«Es gibt keine schlechten Bewerber:innen, es gibt nur schlechte Matches»
David Gisler ist Head of Talent Acquisition bei Siemens und Vorstandsmitglied bei IngCH. Obwohl der studierte Soziologe in seiner Funktion im Personalwesen tätig ist, besitzt er eine grosse Begeisterung für technische Themen und schlägt auf diese Weise die Brücke zwischen Mensch und Technik. Wie sich Siemens für die Nachwuchsförderung engagiert und weshalb heutzutage bei der Rekrutierung die Persönlichkeit eine grössere Rolle spielt als das ausschliessliche Beherrschen einer Technologie, erfahren Sie im Interview.
David Gisler, wie sieht Ihr Werdegang aus?
Ich habe das naturwissenschaftliche Gymnasium besucht, weil ich schon immer an technischen Themen interessiert war. Seit meiner Kindheit wollte ich wissen, wie etwas funktioniert. Während des Gymnasiums war mir aber auch das Thema «Mensch und Gesellschaft» wichtig. Ich habe mich deshalb für ein geisteswissenschaftliches Studium entschieden: Soziologie.
Im Personalwesen kann ich nun beide Welten vereinen. Einerseits sind das technische Verständnis und das analytische Denken sehr wichtig, damit man die Bewerbungen aus dem technischen Umfeld gut verstehen kann und weil auch unsere Rolle in der Rekrutierung immer mehr von neuen Technologien wie künstlicher Intelligenz geprägt wird. Andererseits ist auch ein Verständnis für die Menschen essenziell, um den Einfluss der Technik auf die Gesellschaft zu verstehen.
Wieso engagiert sich Siemens bei IngCH für die Nachwuchsförderung?
Nachwuchsförderung ist bei uns ein grosses Thema. Wir haben unser eigenes Programm «Generation 21» und beginnen damit auf Kindergartenstufe. Es gibt eine sogenannte Forscherkiste, mit welcher die Kinder selbst Sachen ausprobieren können. Auf der Primarschulstufe wird es konkreter: Wir bieten Programmier- und Denkworkshops an, um den technischen Zugang zu ermöglichen. In der Berufsbildung wird es noch greifbarer. Jedes Jahr bilden wir 260 Lernende aus. Zudem pflegen wir eine enge Zusammenarbeit mit den Hochschulen und sponsern beispielsweise den Siemens Excellence Award. Dieser Preis ist mit 10’000 Franken dotiert und geht an die beste Bachelor-Diplomarbeit im technischen Umfeld. Alle diese Bemühungen werden abgerundet durch unser Engagement bei IngCH. Damit unterstützen wir verschiedene Projekte, wie zum Beispiel die Meitli-Technik-Tage, «Achtung Technik Los!», Technik- und Informatikwochen sowie diverse weitere Aktivitäten.
Wie hat sich die Rekrutierung von Ingenieur:innen bei Siemens verändert?
Es hat ein grosser Wandel stattgefunden. Früher haben wir uns mehr auf die Beherrschung von Technologien und Tools fokussiert. In der heutigen Welt wandeln sich diese immer schneller. Deshalb legen wir den Schwerpunkt auf Persönlichkeiten. Zwei Kerndimensionen sind «Growth Mindset» und «Empower People». Die Leute begeistern zu können und selbst immer neugierig zu bleiben, sich in neue Themen hineinzudenken, etwas schnell erlernen zu können: Das sind für uns Schlüsselkompetenzen.
Welches sind für Siemens die grössten Herausforderungen bei der Suche nach neuen Mitarbeitenden?
Wir sagen immer, dass es keine schlechten Bewerber:innen gibt, es gibt nur schlechte Matches. Unsere grösste Herausforderung ist es, die Talente mit den richtigen Aufgaben zusammenzuführen. Man darf nicht vergessen, dass wir einen Grossteil unseres Lebens bei der Arbeit verbringen. Wenn die Arbeit mit Passion ausgeübt werden kann, dann haben wir eine grosse Genugtuung in unserem Beruf. Und genau hier sehen wir die Herausforderung: Dass es sowohl für die Bewerber:innen passt als auch für unser Unternehmen.
Was würden Sie Schüler:innen für die Berufs- und Studienwahl mit auf den Weg geben?
Wichtig ist, dass man sich für etwas entscheidet, wofür man eine Passion hat. In jeder Funktion wird es schwerfälligere Phasen geben. Dann hilft es, wenn man mit Überzeugung und Begeisterung dranbleibt und so auch die schwierigeren Zeiten übersteht. Ich denke, dass es falsch ist, sich aus rationalen Gründen für einen Beruf zu entscheiden, zum Beispiel Ingenieur:in zu werden, nur weil die Jobsicherheit garantiert ist. Das wäre die falsche Motivation. Für IT-Themen zu brennen, dank Technologie etwas in die Nachhaltigkeit zu investieren: Wenn das die Treiber sind, dann ist ein Beruf im technischen Umfeld bestimmt die richtige Entscheidung.
Interview: Nathalie Künzli, Projektleiterin IngCH
Meitli-Technik-Tage bei ABB
Die Berufswahl ist alles andere als eine einfache Entscheidung. Die Meitli-Technik-Tage haben unter anderem das Ziel, jungen Frauen eine der vielen Türen zu öffnen und einen Einblick in die technische Berufswelt zu geben.
Bei ABB und libs Industrielle Berufslehren Schweiz nahmen diese Woche rund 38 Mädchen an den Meitli-Technik-Tagen teil. Viele konnten während des interaktiven Programms zum ersten Mal Technikluft schnuppern und sich einen Überblick über die Welt der Technik und Informatik verschaffen.
«Die Welt wird nie stillstehen, und deshalb wird es immer Ingenieur:innen brauchen»
Daniel Andris ist Head of Corporate Solutions Risk Engineering Services Casualty bei Swiss Re und Vorstandsmitglied bei IngCH. Wie der studierte Chemiker aus der Forschung und Entwicklung in die Versicherungsbranche kam, weshalb sein Beruf weit entfernt von Routine ist und warum er Schüler:innen bei der Berufswahl rät, nicht nur auf den Trendradar zu schauen, erfahren Sie im Interview.
Daniel Andris, können Sie mir bitte zuerst erklären, was Sie in Ihrem Berufsalltag als Head of Corporate Solutions Risk Engineering Services Casualty grundsätzlich machen?
Mein Beruf ist der des Risikoingenieurs. Wir analysieren Unternehmen in Hinsicht auf deren Risiken aus dem Blickwinkel der Versicherung. Als Industrieversicherung decken wir die Risiken eines Unternehmens aus dessen betrieblicher Tätigkeit. Bei einem Unternehmen können unterschiedliche Sachen passieren: Elementarschäden, Feuerschäden bis hin zu Haftpflichtschäden, also Schäden gegenüber Dritten, zum Beispiel verursacht durch Unglücke in den betrieblichen Tätigkeiten oder durch Produkte. Das Ganze ist vielschichtig und mannigfaltig. Wir müssen verstehen, welche Risiken wir versichern und welche Schäden daraus entstehen könnten. Um dafür eine solide Basis zu haben, gibt es diese Disziplin Risk Engineering. Das ist eine Seite des Auftrags zugunsten meines Arbeitgebers. Dasselbe machen wir auch für Kund:innen. Die Kund:innen, die sich bei uns versichern, haben den Vorteil, von dem Wissen der erfahrenen Risikoingenieur:innen zu profitieren. So geben wir ihnen die Expertise zurück, sich selbst zu verbessern, am Risikomanagement zu arbeiten und auf diese Weise Schäden zu vermindern oder zu verhüten.
Und wie sind Sie dazu gekommen, dass Sie heute diesen Beruf ausüben? Ich habe gelesen, dass Sie ursprünglich Chemie studiert haben?
Ich machte die Lehre zum Chemielaboranten und studierte anschliessend an der Fachhochschule Winterthur Chemie. Danach arbeitete ich in der Forschung und Entwicklung. Ich kam dann eher per Zufall auf meinen heutigen Beruf. Ich fragte mich, was mein nächster Entwicklungsschritt sein könnte, und schaute mich etwas um. Ehemalige Arbeitskolleg:innen, die bereits im Bereich Risk Engineering tätig waren, machten mich auf eine offene Stelle aufmerksam. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch kein Bild von Versicherungen. Ich schaute mir den Bereich dann genauer an, denn ich war schon immer an Risiko und Risikomanagement interessiert. Von daher sprach mich die Stelle auch sehr an, weshalb ich einstieg und bis heute dabei bin.
Wie lange sind Sie denn jetzt schon bei Swiss Re?
Ich bin jetzt seit 20 Jahren dabei und hatte das Glück, immer ein gutes Umfeld zu haben. Ich fing als Risikoingenieur im Bereich Life Science und Chemie an und brachte meine Arbeitserfahrung sowie mein Hintergrundwissen ein. Ich hatte dann die Gelegenheit, mich weiterzuentwickeln und ein lokales Team sowie grössere Projekte zu führen. 2015 übernahm ich die Gesamtabteilung Haftpflichtrisiken innerhalb von Risk Engineering Services. Das ist ein global verteiltes Team, welches auf allen grossen Kontinenten präsent ist.
Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?
Was mich enorm fasziniert, ist die grosse Vielseitigkeit und die Wichtigkeit der grossen Zusammenhänge – sämtliche Entwicklungen, die irgendwo stattfinden, sei es technologisch, gesellschaftlich oder geopolitisch, bestimmen die Tätigkeiten in unserem Alltag. Diese Veränderungen auf einer globalen Landkarte immer im Auge zu behalten, weil alle diese Entwicklungen Einfluss auf die Risiken der Unternehmen haben, begeistert mich. Von daher ist mein Bereich sicher auch einer, in dem keine Routine einkehrt. Das ist sicher auch ein Grund, weshalb viele Teammitglieder schon lange dabei sind. Unser Beruf wiederholt sich grundsätzlich nicht, weil sich das Umfeld konstant entwickelt, und das macht die Arbeit sehr spannend.
Das glaube ich. Kann es manchmal auch eine Herausforderung sein, wenn etwas eintrifft, womit man gar nicht gerechnet hat? Oder passiert das gar nicht?
Nein, absolut, das ist eigentlich Faszination und Herausforderung zugleich. Es ist ein Teil unserer Arbeit, Veränderungen zu erkennen. Der andere Teil ist aber auch, welchen Einfluss Veränderungen auf die Risiken haben: Hat zum Beispiel eine neue technologische Entwicklung einen risikomindernden Einfluss, weil mehr Sicherheitselemente entstehen? Oder hat sie einen risikoerhöhenden Einfluss, weil sie zum Beispiel komplexer ist, anspruchsvoller zu kontrollieren und dadurch auch mehr oder andere Risiken bringt? Das ist immer ein Abwägen. Die Herausforderung ist es, Evidenz für die Tendenz zu finden und aufzuzeigen.
Wenn Sie zurück in Ihre Jugendzeit gehen könnten, würden Sie sich nochmals für denselben Weg entscheiden?
Ich denke schon. Einer Sache auf den Grund zu gehen und zu verstehen, wie etwas funktioniert und aufgebaut ist, hat mich seit meiner Jugend immer fasziniert. Ich würde mich als vielseitig interessiert beschreiben. Ob das jetzt nochmals Chemie oder ein anderer naturwissenschaftlicher Bereich wäre, weiss ich nicht. Aber Chemie hat mich immer fasziniert, denn sie geht an die Basis, wie Materialien und warum sie zusammengesetzt sind und weshalb sie welche Eigenschaft besitzen.
Was denken Sie, welche Eigenschaften und Interessen eine Person haben sollte, die ein Ingenieurstudium oder ein naturwissenschaftliches Studium wie Chemie absolvieren möchte?
Ein intrinsisches Interesse an Dingen. Daran, wie etwas funktioniert, wie etwas aufgebaut ist. Der innere Antrieb, hinter die Fassade zu schauen und etwas auf den Grund gehen zu wollen. Ich denke, diese Interessen sollten da sein. Dann kommt es darauf an, welche Materie oder welche naturwissenschaftliche Richtung einen interessiert. Die Ingenieurdisziplinen haben aus meiner Sicht aber alle etwas gemeinsam: verstehen zu wollen, weshalb Sachen so sind, wie sie sind, und wie sie funktionieren.
Welchen Tipp würden Sie Schüler:innen für die Berufs- und Studienwahl mit auf den Weg geben?
Ich würde das tun, was einen interessiert, und mich nicht zu stark davon leiten lassen, was momentan en vogue ist oder was Prestige bringen könnte. Das Studium verlangt einem genug an Motivation ab. Es ist manchmal anstrengend und erfordert Ausdauer. Gerade deshalb sollte man dafür Interesse haben. Nach dem Abschluss stehen alle Türen offen. Das Ingenieurwesen und die Naturwissenschaften sind auf jeden Fall zukunftsträchtig. Wir sind mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Es braucht folglich entsprechend ausgebildete Leute, die in der Lage sind, diese Herausforderungen in die Hand zu nehmen und Lösungen dafür zu entwickeln und zu bauen. Die Welt wird nie stillstehen, und deshalb wird es auch immer Ingenieurinnen und Ingenieure brauchen.
Wieso engagiert sich Swiss Re bei IngCH für die Nachwuchsförderung?
Wir sind ein Unternehmen, welches den Anspruch hat, divers in allen Facetten zu sein. Gerade im Ingenieurwesen ist die Förderung von Frauen ein grosses Thema. Diversität geht aber darüber hinaus. Diversität sind auch Denkmuster: Was motiviert uns an der Arbeit, welchen Blick haben wir auf Themen, Geschäfte, Technologien und die Gesellschaft? Für uns ist diese Diversität auch wichtig. Wir möchten verschiedene Hintergründe und Sichtweisen, seien es betriebswirtschaftliche, arbeitspsychologische, gesellschaftliche oder auch technische. Darum haben bei uns Naturwissenschaftler:innen und Ingenieur:innen eine grosse Bedeutung und sind in verschiedenen Hierarchien vertreten. Es ist folglich auch eine intrinsische Motivation, sich verschiedenartig zu engagieren und eben auch für IngCH. Das Engagement bei IngCH besteht auch daraus, zu zeigen, wie vielseitig der Ingenieurberuf ist. In vielen Branchen werden immer mehr Ingenieur:innen benötigt.
Interview: Nathalie Künzli, Projektleiterin IngCH