Es gibt immer weniger Elektroingenieure FH
Die Studieneintritte für Elektrotechnik an Fachhochschulen sind in den vergangenen Jahren zurückgegangen:
- 2016: 413 Studieneintritte
- 2020: 353 Studieneintritte
(Quelle: Dashboard IngCH)
Woran liegt das? Guido Santner, Projektleiter bei IngCH und freier Fachjournalist, geht dieser Frage nach. Zu welchem Schluss er kam, lesen Sie im Artikel im Bulletin von Electrosuisse.
«Das Spannende und Schöne am Bauingenieurberuf ist, dass man ihn sozusagen anschauen kann»
Wie kann das schweizerische Eisenbahnnetz bedarfsgerecht ausgebaut werden und gleichzeitig ökonomisch vertretbar sein? Mit dieser Frage beschäftigt sich Reto von Salis, Leiter Netzentwicklung bei der SBB und Vorstandsmitglied bei IngCH. Wie er zu dieser Funktion kam, weshalb ihn das Lösen von Zielkonflikten begeistert und welche Interessen angehende Bauingenieurinnen und Bauingenieure haben sollten, lesen Sie im Interview mit IngCH.
Reto von Salis, möchten Sie zuallererst etwas über Ihren Werdegang erzählen?
Das mache ich sehr gerne. Während meiner Zeit im Gymnasium überlegte ich mir, wo mein Berufsweg hingehen sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit dem Bauingenieurwesen noch nichts zu tun. Meine Eltern waren beide Lehrpersonen, mein Vater war Physiklehrer. Physik hatte mich immer sehr interessiert, war mir aber zu theoretisch. Ich wollte nichts machen, das in der Theorie hängen bleibt. Damals war ich generell fasziniert davon, wie Bauwerke entstehen. So kam für mich der Ingenieurberuf ins Spiel, und mein Interesse am Bauingenieurwesen wurde geweckt.
Ich studierte Bauingenieurwesen an der ETH Zürich. Während meiner ersten Arbeitsstelle führte ich klassische Ingenieurarbeiten aus, wie zum Beispiel Häuser konstruieren oder Strassen planen. Nach fünf Jahren durfte ich die Projekt- und Bauleitung für eine Eisenbahnbrücke übernehmen. Spannend war dabei, nicht nur Ingenieur zu sein, sondern auch auf der Bauherrenseite das Projekt zu leiten. Ich wechselte im Jahr 2000 zur SBB und war zuerst als Projektleiter für Infrastrukturprojekte tätig. Nachdem ich vor allem für Bahnhofumbauten, Streckenumbauten und Brückensanierungen verantwortlich gewesen war, erhielt ich bald einen Auftrag als Projektmanager für ein Projekt im Rahmen von Bahn 2000. Die Grösse dieses Projekts faszinierte mich. Nach einiger Zeit übernahm ich eine Teamleitung und konnte mich Schritt für Schritt bis 2014 zum Leiter Projektmanagement im Infrastrukturbereich der Region Mitte weiterentwickeln. Die Frage, weshalb es eigentlich solche Infrastrukturprojekte braucht, liess mir keine Ruhe, sodass ich anschliessend in den Bereich Netzentwicklung wechselte. Seit 2017 bin ich für die Netzentwicklung der gesamten Schweiz verantwortlich.
Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?
Am meisten Spass macht mir das stetige Lösen von Zielkonflikten. Meistens gibt es einen Wunsch, der unbezahlbar ist. Den Wunsch muss man eingrenzen, damit er erfüllt werden kann. Konkret heisst das: Wenn man ein neues Eisenbahnangebot fahren möchte, braucht es eine Infrastruktur, und diese muss bezahlbar sein. Das ist der erste Zielkonflikt. Der zweite ist technischer Natur. Es gibt viele Möglichkeiten, wie die Infrastruktur ausgebaut werden kann. Die Flughöhe am Anfang eines Wunsches ist sehr hoch – man hat nur eine grobe Idee davon, wie man den Wunsch erfüllen wird. Mit der Zeit wird die Umsetzung aber immer konkreter, und am Schluss, und das ist eben das Spannende und Tolle daran, wird der Wunsch erfüllt: Es gibt eine Baustelle, aus welcher ein Endprodukt entsteht, das für die Eisenbahnkunden einen Mehrwert schafft. Ich glaube, das ist generell das Spannende am Ingenieurwesen.
Wenn Sie sich nochmals für einen Beruf entscheiden müssten, würden Sie wieder denselben Weg wählen?
Diese Frage habe ich mir auch schon einige Male gestellt. Die Antwort ist: Ja, natürlich, ich würde es wieder machen! Wenn ich nochmals an diesem Punkt wäre, hätte ich dieselbe Entscheidung getroffen und mich auch entschlossen, Führungsverantwortung wahrzunehmen. Ich denke, dass ein Ingenieurrucksack eine sehr gute Basis ist, um sich in Führungsaufgaben weiterzuentwickeln.
Angenommen, eine Person möchte in Ihre Fussstapfen treten und auch Bauingenieurin oder Bauingenieur werden. Welche Eigenschaften und Interessen sollte diese Person grundsätzlich mitbringen?
Das ist meiner Meinung nach bei allen Berufen gleich: Man sollte sehr daran interessiert und motiviert dafür sein. Ich sage nicht, dass man in der Mathematik oder den Naturwissenschaften der absolute Profi sein muss. Ein gewisses Grundverständnis in den Naturwissenschaften hilft aber, damit man die Zusammenhänge verstehen kann. Man sollte aber vor allem daran interessiert sein, Probleme technischer Natur zu lösen. Die ersten paar Jahre, egal, wo später der berufliche Weg hinführt, wird man nämlich damit beschäftigt sein.
Wenn Sie Schülerinnen und Schülern einen Tipp mit auf den Weg geben müssten, wenn diese vor der Wahl stehen, sich für den Bauingenieurberuf zu entscheiden, welcher wäre das?
Ich würde ihnen empfehlen, ein Infrastrukturprojekt zu besichtigen und mit eigenen Augen zu sehen, wie zum Beispiel ein Haus gebaut wird. Zu sehen, dass es dafür Planung braucht, dass dabei sehr viele interessante Sachen passieren und verschiedene Varianten entstehen. Das Spannende und Schöne am Bauingenieurberuf ist, dass man ihn sozusagen anschauen kann, indem man die Projekte besichtigt und sieht, wie etwas entsteht. Und man sieht auf diese Weise auch, dass Bauingenieurinnen und Bauingenieure eine grosse Verantwortung tragen. Sie erstellen sozusagen die Ikea-Anleitung für alle am Bau beteiligten Personen und sind verantwortlich, dass alle Elemente des Bauwerks zusammenpassen, gebrauchsfähig und sicher sind. Aber auch dafür, dass die Kundinnen und Kunden rechtzeitig das Bauwerk zu den vereinbarten Kosten erhalten und daran Freude haben.
Die SBB engagiert sich schon seit einiger Zeit bei IngCH für die Nachwuchsförderung. Was sind die Beweggründe für dieses Engagement?
Einerseits besteht ein Eigeninteresse, dass sich junge Ingenieurinnen und Ingenieure und auch Leute aus anderen Berufsgattungen bei der Stellensuche für die SBB interessieren. Der Arbeitsmarkt ist besonders in den Ingenieurberufen, aber auch im IT-Wesen ausgetrocknet. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die jungen Talente der SBB sehr viel beisteuern. Das Engagement ist eine Investition in unseren Pool an Arbeitskräften, auch im Bewusstsein, dass es nicht immer funktioniert, denn es gibt auch noch viele andere interessante Arbeitgeber und Berufsrichtungen. Wir haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass sich unsere Trainee-Programme, Hochschulpraktika und die IngCH-Mitgliedschaft mehr als ausbezahlen, wenn auch nur wenige Fachkräfte dadurch rekrutiert werden. So sind es zumindest mehr als ohne diese Aktivitäten.
Stellt sich bei der SBB die Suche nach neuen Mitarbeitenden als Herausforderung dar? Gerade auch im technischen Bereich?
Ja. Es ist grundsätzlich so, dass viele Stellen ein Profil mit drei bis fünf Jahren Berufserfahrung möchten. Es ist schwierig, die Berufsleute an diesem Punkt zu motivieren, die Stelle zu wechseln. Auch mit den Hochschulabsolventinnen und -absolventen ist es nicht so einfach. Wir haben aber auch viele Stellen ausgeschrieben, mit Corona etwas weniger. Grundsätzlich suchen wir jedoch immer neue Arbeitskräfte, da wir in einem wachsenden Markt sind. Gerade bei den Ingenieurberufen ist es schon schwierig. Teilweise benötigen wir sechs bis zwölf Monate, bis die Stelle besetzt werden kann. Viele wissen auch nicht, dass die SBB Ingenieurinnen und Ingenieure suchen.
Interview: Nathalie Künzli, Projektleiterin IngCH
Mitgliederanlass bei Straumann
Im Rahmen unseres Mitgliederanlasses war IngCH zu Besuch bei der Straumann Group in Basel. Nebst interessanten Führungen durch einige Labors durften unsere Mitglieder gleich selbst Hand anlegen und ein Implantat an einem Modell einsetzen.
Fünf Fragen an den IngCH-Präsidenten
Nach 10 Jahren im Amt gibt Dr. Eduard Rikli das Präsidium von IngCH Engineers Shape our Future ab. Wir freuen uns, Ihnen im Video Martin Schürz als den neuen Präsidenten vorstellen zu dürfen.
Im Titelbild: Martin Schürz, Präsident IngCH, und Lea Hasler, Geschäftsführerin IngCH
Interview: Nathalie Künzli, Projektleiterin IngCH
Martin Schürz wird neuer Präsident von IngCH Engineers Shape our Future
Nach 10 Jahren im Amt gibt Dr. Eduard Rikli das Präsidium von IngCH Engineers Shape our Future ab. Wir freuen uns, Ihnen den neuen Präsidenten vorstellen zu dürfen:
Martin Schürz hat nach einer Berufslehre als Chemielaborant an der ETH und vier Jahre Berufserfahrung die Erwachsenen-Matura erlangt und danach an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften (Chemie) studiert. Ab 1993 war Martin Schürz Experte für Risk Engineering bei der Swiss Re, bis 2021 leitete er als Head Risk Engineering Services Corporate Solutions ein globales Team von 130 Ingenieurinnen und Ingenieuren. Er hat neue Risk Assessment Tools entwickelt und die Schadensprävention zahlreicher grosser und weltweit tätiger Unternehmen analysiert und begleitet. Als Ergänzung zu dieser beruflichen Tätigkeit hat Martin 2012 noch ein MAS in Natural Hazard Management an der ETH absolviert. Seit 2012 engagiert er sich aktiv im Vorstand von IngCH, kennt die Aktivitäten und das Team bestens und wird sich als Präsident engagiert für mehr Nachwuchs einsetzen – gemeinsam mit Lea Hasler, Geschäftsführerin, und dem gesamten Team.
An dieser Stelle bedanken wir uns herzlich für Edis unermüdliches Engagement, seine kritischen Fragen und seine Begeisterung für die Nachwuchsförderung und wünschen ihm alles Gute und viel Zeit für seine Familie und seine Werkstatt.
Martin Schürz und Lea Hasler
Greffes de peau personnalisées
L’entreprise suisse de sciences de la vie CUTISS AG a été fondée il y a cinq ans sous forme de spin-off de l’université de Zurich. CUTISS utilise une nouvelle technologie pour fabriquer des substituts cutanés personnalisés, appelés denovoSkinTM. Les greffes de peau doivent être proposées sous forme de thérapie des tissus cutanés aux victimes de brûlures ainsi qu’aux patientes et patients souffrant de graves lésions cutanées. Cette méthode de traitement présente notamment l’avantage de permettre la régulation de la cicatrisation.
Pour en savoir plus sur CUTISS, visionnez le reportage vidéo de la RTS:
https://youtu.be/fK0Nmza1ECs
Foto: (c) Frank Brüderli
Freie Plätze für Meitli-Technik-Tage
Für die Meitli-Technik-Tage bei MAN Energy Solutions und bei ABB gibt es aktuell noch freie Plätze.
- 7.-8. April bei MAN Energy Solutions Zürich
- 2. und 3. Mai (eintägige Programme) bei ABB in Baden
- am 24. Mai bei ABB, virtuell über MS Teams
Hier geht's zu den Anmeldeunterlagen.
Energie speichern nach Kühlschrank-Prinzip
Die Firma MAN Energy Solutions ist spezialisiert in der Entwicklung und Herstellung von innovativen Technologielösungen im Energiebereich. Die Herausforderung bei der Energieproduktion ist unter anderem, dass nicht unbedingt dann Strom produziert wird, wenn er verbraucht wird. Das ETES-System speichert nachhaltigen Strom nach dem Kühlschrank-Prinzip und reduziert so Versorgungsengpässe.
Wie diese Technologie von MAN Energy Solutions genau funktioniert, sehen Sie im Videobeitrag von tecindustry (eine Initiative von Swissmem).
Quelle Video: Tecindustry
Fasziniert von Technik und Technologie
Philipp Späti ist CTO bei IBM Schweiz und Vorstandsmitglied bei IngCH. Eigentlich ist er aber vor allem eines, nämlich seit seiner Kindheit fasziniert von Technik und Technologie. Diese Begeisterung versprüht der studierte Elektroingenieur, der nach eigenen Aussagen rückblickend besser in Quantenphysik aufgepasst hätte, auch im Interview mit IngCH.
Philipp Späti, wir beginnen doch am besten gleich von vorne. Wie sieht Ihr Werdegang aus?
Mein Kindheitstraum – wie damals von manchen anderen auch – war es, Astronaut zu werden. Das war leider nicht ganz realistisch. Die erste Mondlandung und die Raumfahrt allgemein prägten aber schon früh meine Faszination für Technik und Technologie. Deshalb entschied ich mich nach der Matura in Mendrisio im Kanton Tessin für das Studium zum Elektroingenieur an der ETH Zürich.
Nach dem Studium übte ich den Beruf des Hardware-Elektroingenieurs auch wirklich aus. Ich war bei der Firma Alcatel, heute Alcatel-Lucent, in Zürich tätig, wo ich beispielsweise integrierte Schaltkreise und PCBs für Telekom-Messgeräte entwickelte. Nach fünf Jahren wechselte ich zu IBM Schweiz und somit weg von Hardware hin zu Software. Ich beschäftigte mich nach dem Stellenantritt schon bald intensiv mit der Spezialisierung Richtung Data Warehousing, Business Intelligence und anschliessend Customer Relationship Management Systems und konnte dadurch mein technologisches Wissen erweitern. Nach einigen Jahren wechselte ich in den Presales-Bereich, wo ich immer grössere sowie technologisch gesehen anspruchsvollere Projekte im Bereich Banking und Versicherung übernehmen und meine technische Karriere bei IBM Schweiz weiterführen konnte. 2013 wurde ich Distinguished Engineer und schliesslich CTO bei IBM Schweiz. In dieser Funktion als Primus inter Pares des technischen Bereichs von IBM Schweiz versuche ich gemeinsam mit meinem Team, für unsere Kundinnen und Kunden die bestmöglichen Lösungen zu finden, zu designen und zusammen zu implementieren.
Was fasziniert Sie in Ihrer Rolle als CTO am meisten an Ihrem Beruf?
Da ist natürlich immer noch die Faszination für Technologie, für neue Themen und dafür, wie man Probleme mit neuen Technologien besser lösen kann. Ich bin vom Mindset her (immer noch) Ingenieur. Ich mag es, mit bestehenden oder neuen Bausteinen Probleme zu lösen. Ich bin in dem Sinn nicht ein Erfinder, aber ein Innovator. Ich schaue, was bereits besteht, und suche nach der besten Lösung oder der Optimierung. Für mich ist das eigentlich das Interessante an meinem Beruf. Ich versuche, diesen Enthusiasmus für Technologie und Innovation auch an mein Team weiterzugeben und es dafür zu motivieren.
Sie haben vom Kindheitstraum, Astronaut zu werden, erzählt. Sie scheinen aber heute mit Ihrer Berufswahl doch zufrieden zu sein?
Ich würde dieselbe Wahl wieder treffen, für mich ist mein Beruf das Richtige. Für die Art und Weise, wie ich heute arbeite, war das Elektroingenieurstudium die optimale Grundlage, um in der heutigen Welt Innovationen vorwärtszubringen und Technologien zu implementieren. Wenn ich aber zu meinen Studienzeiten gewusst hätte, in welche Richtung die Entwicklungen heute gehen, hätte ich besser in Quantenphysik aufgepasst. Mit dem aufkommenden Quantencomputer ist das eine ganz wichtige Grundlage. Jetzt muss ich halt noch etwas nachholen (lacht).
Das konnte man ja damals nicht ahnen! Angenommen, jemand möchte in Ihre Fussstapfen treten und auch ein Elektroingenieurstudium abschliessen. Welche Interessen und Eigenschaften sollte man grundsätzlich dafür mitbringen?
Grundsätzlich – und das gilt jetzt nicht nur für ein Ingenieurstudium – Neugier, Spass an Neuem, Spass an der Zusammenarbeit im Team und Spass am Lernen, denn man hat das ganze Leben nie ausgelernt. Heutzutage kommt alle sechs Monate etwas Neues, und nach drei Jahren ist das heutige Wissen alt. Darum sollte man Spass daran haben, zu lernen, sich zu verändern und sich weiterzuentwickeln. Sokrates hat schon gesagt: «Je mehr ich weiss, umso mehr weiss ich, dass ich nicht(s) weiss.» Genau das erlebt man während und nach dem Studium. Umso wichtiger ist es, Begeisterung für das zu haben, was man täglich macht. Die Richtung, die man ganz am Anfang einschlägt, ist deshalb nicht das Massgebende. Ich finde, dass junge Personen vielmehr eine Richtung wählen sollten, die sie begeistert und ihnen Spass macht.
IBM Schweiz engagiert sich seit längerer Zeit mit der Mitgliedschaft bei IngCH für die Nachwuchsförderung im MINT-Bereich. Was sind die Hauptgründe für dieses Engagement?
Ein Grund ist, dass IBM Schweiz der Arbeitsplatz Schweiz wichtig ist. Wir sehen uns als und sind eine Schweizer Firma. Wir sind seit über 90 Jahren in der Schweiz präsent und seit über 65 Jahren mit IBM Research Zurich in der Forschung in der Schweiz tätig. Uns ist es wichtig, einerseits den Standort Schweiz zu stärken und andererseits unseren Standort mit entsprechenden Talenten zu besetzen. In diesem Sinn interessiert uns unsere eigene Nachwuchsförderung. Aber IBM Schweiz lebt natürlich auch vom Werkplatz Schweiz. Darum ist es für uns auch wichtig, dass das ganze Ökosystem und die Industrie mit guten Skills ausgestattet sind und wachsen können.
Wie gestaltet sich bei Ihnen die Suche nach neuen Mitarbeitenden? Ist es eine Herausforderung?
Im Moment ist es eine grosse Herausforderung. Es ist wirklich schwierig, neue Fachkräfte zu finden. Aus diesem Grund haben wir verschiedene Programme lanciert, um junge Menschen bereits während des Studiums bei IBM zu integrieren. Das Programm nennt sich Master at IBM oder Bachelor at IBM. Studierende können berufsbegleitend ihr Studium machen und gleichzeitig bei uns arbeiten und so unsere Technologien, Produkte und Arbeitsmethoden kennenlernen. Nach dem Abschluss haben sie die Möglichkeit, nahtlos in die Berufswelt überzugehen und bei IBM einzusteigen. Diese Programme sind sehr wertvoll. Sie helfen uns auch, im stetigen Austausch mit den Universitäten zu sein. Die Programme reichen aber leider immer noch nicht, um alle Stellen mit den nötigen Fachkräften zu besetzen.
Interview: Nathalie Künzli, Projektleiterin IngCH
Förderung des Nachwuchses oder der Gendergleichberechtigung in Unternehmen? Beides!
Als ich im April 2020 die Geschäftsführung der Schweizerischen Vereinigung der Ingenieurinnen (SVIN) übernahm, stellte sich mir die Frage, welche Zielsetzungen der Vereinigung ich in den Folgejahren in den Fokus stellen würde und wie ich diese umsetzen würde. Mir war bewusst, dass ich eine beträchtliche Verantwortung übernahm – nicht nur für die Mitglieder der mittlerweile 30 Jahre bestehenden Vereinigung, sondern auch für die Anliegen von Schweizer MINT-Frauen allgemein und ihren zukünftigen Kolleginnen.
Neben den zahlreichen Angeboten, welche die SVIN ihren Mitgliedern als Plattform und Netzwerk zur Verfügung stellt, sollen mit bereits existierenden Programmen weiterhin vor allem zwei wichtige Themen angegangen werden: einerseits die Förderung des MINT-Nachwuchses durch das Projekt «KIDSinfo», welches sich an Jungen und Mädchen auf der Primarstufe richtet, und andererseits das Impulsprogramm «Kultur-Wegweiser», welches in enger Zusammenarbeit mit MINT-Unternehmen auf einen Wandel der Firmenkulturen und -strukturen zu grösserer Gendergleichberechtigung und Diversität in den MINT-Branchen hinarbeitet.
Das Projekt «KIDSinfo» wurde vor 20 Jahren initiiert und folgt dem Ansatz, dass es wichtig ist, Mädchen (und Jungen) möglichst früh für die MINT-Berufe zu begeistern, und zwar bevor sich bei ihnen gesellschaftlich noch stark verbreitete Stereotype zu «typischen» Männer- und Frauenberufen verfestigen können. Dazu besuchen MINT-Frauen während dreier Lektionen eine Primarschulklasse. Sie erzählen von ihrem Werdegang und ihrer Tätigkeit, diskutieren mit den Kindern deren Präkonzepte hinsichtlich der MINT-Berufe und führen anschliessend mit ihnen in Kleingruppen zwei kleine Technik-Projekte durch. Wenn man möchte, dass die Begeisterung an den MINT-Berufen geschlechterunabhängig wachsen kann und alle die Chance haben, gleichberechtigt in MINT-Berufen an der Zukunft mitwirken zu können, so braucht es den grossen Einsatz und das langfristige Zusammenwirken aller – der individuellen Personen sowie der Bildungsinstitutionen und Unternehmen.
Doch Nachwuchsförderung allein, egal, wie erfolgreich diese darin ist, junge Frauen für eine Ausbildung oder ein Studium im MINT-Bereich zu begeistern, kann das Ziel einer grösseren Gendergleichberechtigung in der MINT-Branche nicht erreichen. Zentral ist dafür ausserdem, die Strukturen und die Kultur in der Arbeitswelt von MINT-Unternehmen so zu verändern, dass diese aktiv auf Gendergleichberechtigung hinwirken. Nur so ist das Werben von MINT-Unternehmen um weibliche Arbeitskräfte glaubwürdig für Mädchen und junge Frauen. Und nur so werden mehr Frauen, die in MINT-Unternehmen tätig sind, dortbleiben.
Das Impulsprogramm «Kultur-Wegweiser» ist insofern eine eminent wichtige Ergänzung zum Projekt «KIDSinfo». Es ist in der Arbeitswelt angesiedelt und richtet sich an MINT-Unternehmen und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Während es bei «KIDSinfo» darum geht, dass sich schädliche Stereotype bei jungen Menschen erst gar nicht festsetzen können, so geht es beim Impulsprogramm auch darum, die Macht der bereits vorhandenen Stereotype und deren Auswirkungen auf individuelle Denk- und Verhaltensweisen sowie Unternehmensstrukturen und -kulturen zu vergegenwärtigen, zu hinterfragen und zu brechen. Somit leisten das Impulsprogramm und die jeweils teilnehmenden Firmen gewissermassen auch Nachwuchsförderung: Indem sie daran arbeiten, eine Arbeitskultur zu erschaffen, die attraktiv ist für junge Frauen und Männer.
Mit gutem Grund sind «KIDSinfo» und «Kultur-Wegweiser» die beiden grössten und langfristigsten Projekte der SVIN. Gemeinsam mit zahlreichen weiteren Interventionen und Angeboten leistet die SVIN mit diesen beiden Projekten ihren Beitrag zu einem Mentalitätswandel in der Gesellschaft und einem Strukturwandel in der Arbeitswelt von technologiebasierten Unternehmen. Hin zu mehr Gendergleichberechtigung für alle!
Nora A. Escherle, Geschäftsführerin Schweizerische Vereinigung der Ingenieurinnen